Wappen Bayern

 

Gründung

 

Nach Gründung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie im Jahr 1872 durch von Langenbeck, Simon und Volkmann mit einem alljährlich stattfindenden Kongress wurden im Gefolge örtliche chirurgische Vereinigungen gegründet. Die Aufgaben der örtlichen Vereinigungen sollten neben der Förderung der Wissenschaft und dem gegenseitigen Austausch von praktischen Erfahrungen vor allen Dingen die persönlichen Beziehungen der Mitglieder untereinander fördern. Die Gründungsversammlung der Bayerischen Chirurgenvereinigung fand am 6. Januar 1911 in München statt.

In dem im März 1911 erschienenen Heft der Münchner Medizinischen Wochenschrift findet sich folgende Veröffentlichung:

Die Unterzeichneten sind am 6. Januar 1911 in München zu einer Beratung zusammengekommen und haben einstimmig beschlossen, eine "Vereinigung der Bayerischen Chirurgen" zu gründen mit dem Zwecke, unsere Wissenschaft zu fördern und einen persönlichen Verkehr der einzelnen Mitglieder zu ermöglichen, der bei dem großen Besuche des Deutschen Chirurgenkongresses sehr erschwert ist. Sie haben sich als vorbereitender Ausschuss konstituiert, in welchem aufgestellt wurden als I. Vorsitzender: Geheimrat Prof. Dr. v. Angerer, II. Vorsitzender: Hofrat Dr. Brunner, I. Schriftführer: Prof. Dr. A. Schmitt, II. Schriftführer: Hofrat Dr. Krecke, Kassaführer: Prof. Dr. Gebele.

Einladungen zum Beitritt sollen ergehen an die bayerischen Ärzte, welche sich ausschliesslich oder doch vorwiegend mit Chirurgie beschäftigen. Der Ausschuss soll auf der ersten - konstituierenden - Versammlung zunächst auf ein Jahr gewählt werden. Die Neuwahl des Ausschusses soll bei der jeweiligen Zusammenkunft erfolgen. Als Zeit der Tagung ist ein Tag in der Pfingstwoche, zunächst als erster Tag der Samstag nach Pfingsten, 10. Juni 1911, als erster Versammlungsort München (Operationssaal der chirurgischen Klinik) in Aussicht genommen.

Der Ort der Zusammenkunft soll wechseln und jeweils auf der Versammlung bestimmt werden. Einladung von ausserbayerischen Chirurgen, wie auch von Internisten, Gynäkologen, Pathologen usw. für bestimmte Themata sollen für späterhin dem geschäftsführenden Ausschuss vorbehalten bleiben. Der Vorsitzende soll die Berechtigung haben, ein Hauptthema mit anschliessender Diskussion - und den Referenten dazu aufzustellen. Als erstes Hauptthema ist "die Behandlung des Mastdarmkarzinoms", als Referent Prof. Graser, Erlangen, in Aussicht genommen. Rein orthopädische Vorträge sollen im allgemeinen nicht gehalten werden, doch sollen Ausnahmen nach der Entscheidung des jeweiligen Vorsitzenden zulässig sein.

Wegen der Veröffentlichung der gehaltenen Vorträge sollen die entsprechenden Schritte getan werden. Als Beitrag ist vorläufig angesetzt: 10 Mark pro Jahr Die Unterzeichneten bitten, Beitrittserklärungen möglichst bald an den 1. Schriftführer, Prof. Dr. Adolf Schmitt, München, Leopoldstraße 20, gelangen zu lassen, evtl. unter gleichzeitiger Anmeldung eines Vortrages.

Unterzeichnet ist diese Veröffentlichung im Original von den folgenden zwölf Chirurgen:

 

Geheimrat Prof. Dr. Ottmar v. Angerer, München Hofrat Dr. Franz Brunner, München
Prof. Dr. Ludwig Burkhardt, Nürnberg Geheimrat Prof. Dr. Eugen Enderlen, Würzburg
Prof. Dr. Hubert Gebele, München Geheimrat Prof. Dr. Ernst Graser, Erlangen
Hofrat Dr. Max Jungengel, Bamberg Geheimrat Prof. Dr. Ferdinand Klaussner, München
Hofrat Dr. Albert Krecke, München Generalarzt Prof. Dr. Karl von Seydel, München
Prof. Dr. Adolf Schmitt, München Hofrat Dr. August Schreiber, Augsburg



Geheimrat Professor Dr. Ottmar v. AngererDie biographischen Daten dieser Männer zeigen, daß sie fast alle durch die chirurgische Schule v. Angerers gegangen sind. Man darf also wohl in ihm den eigentlichen Initiator der Vereinigung sehen.

Welches Interesse die Vereinigung fand, geht daraus hervor, daß ihr im Mai 1911 bereits 93 Kollegen beigetreten waren (Münchner Medizinische Wochenschrift 1911, S. 1168). Die erste Tagung wurde dann am 1. Juli 1911 unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Ottmar von Angerer in der Chirurgischen Universitätsklinik in München abgehalten.

 

 

Vorträge anlässlich der ersten Tagung der Vereinigung der Bayerischen Chirurgen am 1. Juli 1911 in München:

 

Graser, Erlangen Einleitende Bemerkungen zu einer Diskussion über die Behandlung des Mastdarmkrebses
Enderlen, Würzburg und Hotz, Würzburg Über Resorption bei Ileus und Peritonitis
Kreuter, Erlangen Die Serodiagnostik des Echinokokkus
Jungengel, Bamberg Weitere Erfahrungen mit Joddampfbehandlung
Kreuter, Erlangen Über die neue Immunitätsreaktion
Enderlen, Würzburg Demonstrationen Hypophysentumor, Hydrocephalus, Transplantationen, Fascientransplantationen)
Ach, München Autoplastik, Gefäßnähte, Quadrizepsrupturen
Krecke, München Exophthalmus pulsans, Gehirntumor
v. Stubenrauch, München Myxoedem und Knochenerkrankung
Hotz, Würzburg Arterielle Anästhesie
Burghardt, Nürnberg Über intravenöse Narkose
Gebele, München Über experimentelle Versuche bei Basedow Thymus
v. Angerer, München Die operative Behandlung gastrischer Krisen
Krecke, München Zur Frage der primären Bauchdeckennaht bei appendicitischen Eiterungen
Schlagintweit, München Demonstration (Operationstisch)

 

Weitere Geschichte


Durch die Kriegswirren bedingt fanden in den fünf Jahren von 1915 bis 1919 keine Tagungen statt. Am ersten Treffen nach dem Ersten Weltkrieg 1920 in München nahmen bereits jedoch wieder 137 Chirurgen teil. Auch während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Aktivitäten der Bayerischen Chirurgenvereinigung unterbrochen. Herrn Prof. Dr. K Schindler (Abb. 2) aus München wird es zugeschrieben, daß er 1948 die Bayerische Chirurgenvereinigung wieder ins Leben rief. Seither fanden regelmäßig jährlich die Tagungen statt, 1998 die 75. Jahrestagung in Erlangen. Die ersten Tagungen bis zum Jahr 1926 fanden ausschließlich in München statt. Im Anschlu8 wechselte der Tagungsort, wie ursprünglich geplant. Mittlerweile hat die Vereinigung mehr als 800 Mitglieder. Eine aus der damaligen Zeit nicht vorstellbare Entwicklung hat sich vollzogen, obwohl in den 20er Jahren ein Chirurg formuliert hatte, daß nunmehr die Chirurgie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gelangt sei.

Diese Entwicklung war natürlich auch verbunden mit Spezialisierung und Neuordnung des Faches Chirurgie. Die Urologie war in den Anfangszeiten regelmäßig bei den Tagungen vertreten. Bei der 14. Jahres Tagung 1929 befassten sich mehrere Beiträge z.B. mit der Behandlung des Blasendivertikels, suprapubischer Prostatektomie, der Behandlung von Nierensteinen und Harnblasenektrophie. Die Neurochirurgie war bis in die 60er Jahre hinein mit eigenen Themen präsent. Abschließend ist sie nur mehr selten vertreten gewesen. Insgesamt lässt sich diese Entwicklung parallel zur Themengewichtung aus verschiedenen Bereichen der Chirurgie auch an der Lehrstuhlentwicklung der Fakultäten ablesen. Etwa mit dem Zeitpunkt, da eigene Lehrstühle entstanden, verschwinden die jeweiligen Themenkreise aus den Jahresprogrammen der Vereinigung. Es kommen aber auch neue Themen dazu, wie z.B. die Kinderchirurgie und die Orthopädie und auch in diesem Punkt ist die Bayerische Chirurgenvereinigung aufgeschlossen gewesen. Lehrstuhlinhaber für Orthopädie, Herr Prof. Witt, und Kinderchirurgie, Herr Prof. Hecker, waren Vorsitzende. Stets bestritt jedoch die Allgemeinchirurgie durchweg den mehrheitlichen Anteil an den Tagungen. Nur die Herzchirurgie war nie vertreten.

 

Literatur:


Vereinigung der Bayerischen Chirurgen – Gründungsversammlung
Münchner Medizinische Wochenschrift (1911)

Maurer G., Schmid H. und E.K. und Wiesner W.:
Bayerische Chirurgen-Vereinigung 1911-1969, Geschichte, Satzungen, Mitglieder.

Medizinhistorische Schriftenreihe
Boehringer-Mannheim (1969)

Siewert J.R., Theisinger W.:
Bayerische Chirurgen-Vereinigung 1911-1986, Geschichte, Satzungen, Mitglieder
Demeter Verlag Gräfelfing (ergänzte Neuauflage 1986)